Tierschutz und Klimawandel

Hans-Eberhard Dietrich

Alle reden vom Klimawandel. Viel zu wenig bekannt aber ist es, wie sehr in der industriellen Landwirtschaft die Nutztierhaltung dazu beiträgt, ja nicht nur beiträgt, sondern ihn geradezu beschleunigt. Das soll unter dieser Rubrik in verschiedenen Beiträgen dargestellt werden.

Tierschutz und Klimawandel Folge 3: Erst der Verstoß gegen das geltende Tierschutzrecht macht Massentierhaltung möglich und trägt zur Verschärfung des Klimawandels bei

Artikel vom 25.02.2021

Die Nutztierhaltung in ihrem heutigen Ausmaß ist nur möglich, weil sie – zum Teil gesetzlich legitimiert – in erheblicher Weise gegen Grundprinzipien des Tierschutzrechts verstößt: Gemäß dem Tierschutzgesetz muss jeder, der ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat, das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen, verhaltensgerecht unterbringen und niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden und/oder Schäden zufügen.

Die Rechtsverletzungen werden ermöglicht durch das Erlassen weitgehender Ausnahmeregelungen, tierschutzwidrige Konkretisierung in Rechtsverordnungen, Verstöße gegen Tierschutzrecht und fehlende und unzureichende Kontrollen durch die Behörden.
Die Beachtung der Grundprinzipien des Tierschutzrechts würde eine Reduzierung der Tierbestände und eine Verringerung der Produktion von Lebensmitteln tierischen Ursprungs zur Folge haben. Diese Folgen würden sich wiederum positiv auf das Klima auswirken und eine Reduzierung des CO2 Ausstoßes zur Folge haben.

Hier ist in erster Linie die Politik gefordert, insbesondere der Gesetzgeber und das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Sie muss die Grundprinzipien des Tierschutzrechts auf legislativer Ebene umsetzen. Darüber hinaus müssen auf Landesebene die zuständigen Organe die Grundprinzipien des Tierschutzrechts auf administrativer Ebene einhalten. Schließlich ist es längst überfällig, die Verbraucher umfassend über die Zusammenhänge zwischen Nutztierhaltung und Klimawandel aufzuklären.

Beispiele von Verstößen gegen das Tierschutzgesetz
Im Folgenden sollen einige Praktiken benannt werden, die in der sog. Nutztierhaltung üblich sind, jedoch unserer Meinung nach mit dem Tierschutzgesetz (TSchG), mit EU-Verordnungen bzw. EU-Richtlinien und insbesondere mit dem Auftrag der Verfassung, die seit 2002 den Tierschutz als Staatsziel festschreibt (Art. 20a), nicht vereinbar sind, weil sie durchweg aus rein ökonomischen Interessen und mit starker negativer Beeinträchtigung des Wohlbefindens bzw. Lebens bei sog. Nutztieren gehandhabt werden. Wirtschaftliche Erwägungen können aber nicht als vernünftiger Grund des §1 TSchG gelten. Wäre das der Fall, wäre logischerweise das gesamte TSchG wirkungslos.

Zwar erlauben Verordnungen der Landwirtschaftsministerien und anderer nachgeordneter Instanzen diese von uns beanstandeten Praktiken. Allerdings können Ausführungen von Verordnungen, Erlassen etc., die in der gesetzlichen Hierarchie nachrangige Vorschriften sind, sich nur im Rahmen und unter den Vorgaben der übergeordneten Rechtsvorschrift bewegen. Es kann z. B. die Tierschutznutztierhaltungs-Verordnung nicht etwas entgegen den Vorschriften des Tierschutzgesetzes zulassen, so z.B. nicht gegen die Inhalte der §§1 und 2 TSchG.
Es kann nicht angehen, dass das grundgesetzlich verankerte Ziel(e) eines demokratischen Staates durch Verordnungen, Ausnahmen und überlange Fristen unterlaufen werden dürfen.

Von den zahlreichen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz sollen hier nur drei herausgegriffen werden, die in der letzten Zeit besonders im Fokus der Öffentlichkeit standen: Die hier beispielhaft wiedergegebenen Praktiken rufen in der Öffentlichkeit in besonderem Maße Entsetzen und Widerspruch hervor:

  • das Kastrieren von unter vier Wochen alten männlichen Rindern, Schafen und Ziegen sowie unter acht Tage alten männlichen Ferkeln (mittels Skalpell und Zange werden die Hoden bei vollem Bewusstsein und ohne Schmerzausschaltung entfernt. Betroffen sind täglich ca. 80.000 Ferkel, d.h. 40 bis 50 Millionen innerhalb der vergangenen zwei Jahre)

  • Haltung von Muttersauen in Kastenständen (Nach der Tierschutznutztierhaltungs-Verordnung dürfen Sauen für etwa sechs Monate im Jahr in Kastenstände, d.h. körpergroße Metallkäfige, eingesperrt werden. In diesen Käfigen ist die Sau zu fast völliger Bewegungslosigkeit verurteilt, nur Aufstehen und Niederlegen sind eingeschränkt ausführbar. Zahlreiche Grundbedürfnisse, etwa das ungestörte Ruhen, die Trennung von Kot- und Liegebereich, das Nahrungserwerbsverhalten sowie das Nestbauverhalten sind in starkem Ausmaß eingeschränkt. Den Tieren entstehen neben körperlichen Schäden erhebliche Verhaltensstörungen wie z.B. Stereotypien.)

(Weitere Verstöße gegen das Tierschutzgesetz siehe hierzu Extraveröffentlichung von AKUT „Denkanstöße“, 2019)

(Die nächste Folge: Abkehr von industrieller Tierhaltung rettet die bäuerlichen Klein- und Familienbetriebe)


Klima und Tierschutz - Folge 2: Industrielle Nutztierhaltung und was es für Klima und Tiere bedeutet.

Artikel vom 04.02.2021

Nutztiere beeinflussten ursprünglich das Klima nicht. Das aber hat sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts geändert. Nutztiere machen 2/3 der Lebendmasse der Welt aus. Es ist leicht nachvollziehbar, dass sie auf diese Weise das Klima beeinflussen.

Zwar verursacht in Deutschland die Energiewirtschaft etwa 80 Prozent der Treibhausgase. Hierbei handelt es sich fast ausschließlich um CO2-Emissionen, die bei der Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle, Erdöl und Erdgas entstehen.

Gleichwohl entstammen rund 11% der Gesamtheit der klimaschädlichen Gase der industriellen Landwirtschaft. (https://www.praxis-agrar.de/umwelt/klimawandel-und-klimaschutz/klimawandel-einfluss-der-landwirtschaft/ Damit gehört die Landwirtschaft heute zu den wichtigsten Quellen menschengemachter Klimagasemissionen (Weltkklimabericht)

Klimaschädliche Gase der industriellen Landwirtschaft bestehen zu etwa je einem Drittel aus Kohlendioxid (CO2), Methan (CH4) und Lachgas (N2O). Methan ist 23-fach und Lachgas fast 300-fach klimaschädlicher als CO2 ist. Emissionen von Ammoniak, das vorwiegend aus der Lagerung und dem Ausbringen von Gülle stammt, sind insofern als besonders kritisch einzustufen, als sie nicht nur relevant für das Klima sind, sondern an mehreren Stellen in natürliche Gleichgewichte eingreifen.

Insgesamt verursachen die Landwirtschaft und die landwirtschaftliche Landnutzung jährlich in Deutschland etwa 100 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente – mit gleichbleibender Tendenz. Das sind fast 11% der Gesamtheit der klimaschädlichen Gase.

Nur eine Abkehr von der industriellen Landwirtschaft kann dazu beitragen, den Klimawandel zu bremsen.

Mit der Abkehr von der industriellen Landwirtschaft wäre dem Klima geholfen. Die Alternative dazu ist ein nachhaltiges Wirtschaften mit artgerechter Haltung der Tiere.

Viele Landwirte haben sich zu diesem Weg entschlossen und gehen ihn und können sich und ihre Familien ernähren.

Die Arbeitsgemeinschaft für bäuerliche Landwirtschaft versteht sich als eine von mehreren Alternativen zum Deutschen Bauernverband. Sie ist neben anderen Organisationen, die sich gegen diese industrialisierten Massentierhaltungen wenden, gemeinsam mit Umwelt- und Tierschutzverbänden und Vertretern aus dem kirchlichen Bereich im bundesweiten Netzwerk "Bauernhöfe statt Agrarfabriken" organisiert. (https://www.tierschutzbund.de/organisation/partner/bauernhoefe-statt-agrarfabriken/)

Das Netzwerk lehnt Tierhaltung in agrarindustriellen Anlagen ab. Es setzt sich dafür ein, dass die Tierhaltung in Deutschland nachhaltig umgestaltet wird – hin zu einer klima-, tier- und sozialverträglichen Tierhaltung in bäuerlicher Hand. Ziel ist eine tiergerechte Haltung nach den Kriterien des Tier-, Umwelt- und Klimaschutzes.

https://www.tierschutzbund.de/organisation/partner/bauernhoefe-statt-agrarfabriken/

Kann die Weltbevölkerung mit nachhaltiger Landwirtschaft ernährt werden?

Kritikerinnen und Kritiker halten dagegen, dass der Ökolandbau, der nachhaltiges Wirtschaften vertritt, wegen seiner im Vergleich zum konventionellen Anbau geringeren Erträge mehr Ackerfläche verbraucht. Daher käme die ökologische Landwirtschaft nicht infrage, um die Ernährung von knapp zehn Milliarden Menschen im Jahr 2050 sicherzustellen.

Zu einem anderen Ergebnis kam das Schweizer Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), das 2017 verschiedene Modellszenarien durchgerechnet hat: Demnach ließe sich die Welt theoretisch doch allein mit Nahrungsmitteln aus ökologischer Landwirtschaft ernähren. Allerdings nur dann, so die Einschränkung des FiBL, wenn sich gleichzeitig auch die Konsumgewohnheiten der Menschen drastisch änderten. Im Klartext hieße das: Weniger Lebensmittel wegwerfen und deutlich weniger Fleisch essen. (https://www.landwirtschaft.de/landwirtschaft-verstehen/wie-funktioniert-landwirtschaft-heute/was-ist-nachhaltige-landwirtschaft)

(Siehe hierzu auch: Homepage AKUT Rubrik: EKD Denkschrift 133, AKUT zu „Nutztier und Mitgeschöpf“, S. 8f)

(Die nächste Folge: Erst der Verstoß gegen das geltende Tierschutzrecht macht Massentierhaltung möglich und trägt zur Verschärfung des Klimawandels bei)


Zur Einstimmung - Was hat der Klimawandel mit dem Tierschutz zu tun?

Artikel vom 09.12.2020

Klima wird definiert als der mittlere Zustand der Atmosphäre an einem bestimmten Ort oder in einem bestimmten Gebiet über einen längeren Zeitraum. Zu den Einflussfaktoren des Klimas gehören unter anderen die nach Jahreszeiten differenzierte Intensität der Sonneneinstrahlung, die durchschnittlichen Temperaturen, Stärke und vornehmliche Richtung von Winden, Luftdruck, Wassertemperaturen und Niederschlagsmengen. Außerdem wird das Klima von Wasserkreisläufen, Meeresströmungen und Gesteinskreisläufen beeinflusst (https://definition-online.de/klima/).

Tiere beeinflussen ursprünglich das Klima nicht. Geändert hat sich dies allerdings seit Mitte des 20sten Jahrhunderts in Folge eines Wandels der Tierhaltung, der mit einer unvorstellbaren Zunahme der Anzahl von landwirtschaftlichen genutzten Tieren einherging: Zur Zeit macht die Lebendmasse, d.h. das Gewicht der wild lebenden Landwirbeltiere auf unserer Erde sage und schreibe nur 3% aus, das der Menschen etwa ein Drittel (1/3) und das Gewicht der Wirbel tragenden landwirtschaftlichen genutzten Tiere einschl. Geflügel knapp zwei Drittel (2/3) (zit. in Wir sind dran. Club of Rome: Der große Bericht) Letztere, als sog. Nutztiere bezeichnet, tragen tatsächlich durch die Verursachung klimaschädlicher Gase in großem Umfange zum Klimawandel bei, wenn sie Teil der industriellen Landwirtschaft sind. In diesem landläufig als „Massentierhaltung“ bezeichneten System entstehen außerdem den dort gehaltenen Tieren erhebliche tierschutzrelevante Schmerzen und Leiden, die in der Regel lebenslang andauern. Sie sind der Anpassung der Tiere an Haltungssysteme, die artgemäße Verhaltensweisen wie Bewegung und das Ausleben sozialer Bedürfnisse unterbinden, Züchtungen auf Leistungen, die die natürliche physische und psychische Belastbarkeit bei weitem übersteigen, und chirurgischen Eingriffen, die ohne Betäubung durchgeführt werden, geschuldet. Das heißt, mit der Abkehr vom System der industriellen Landwirtschaft wäre sowohl den Tieren als auch dem Klima geholfen.

Dazu gilt, dass ein solcher Umgang mit Umwelt und Tieren gesellschaftlich keine Zukunft hat und insbesondere von Christen nicht länger hingenommen werden kann, zumal er nicht nur die Würde des Tieres verletzt, sondern auch die des Menschen herabsetzt.

Nachwort: Zahlreiche Studien haben sich bereits mit den Auswirkungen der Nutztierlandwirtschaft und der Erzeugung tierischer Lebensmittel auf das Klima befasst. (Zu nennen seien hier insbesondere folgende Studien: FAO – Livestock's shadow – environmental issues and options (2006), Wie Fleisch- und Milchgiganten den Planeten aufheizen (2018), WWF – Fleisch frisst Land (2011), WWF – Tonnen für die Tonne (2012), WWF – Klimawandel auf dem Teller (2012).)

Die nächste Folge: Industrielle Nutztierhaltung und was es für Klima und Tiere bedeutet.